Silvesterfeier gerettet

Wir schreiben den Nachmittag des 26. Dezembers 2013. Ich bin am Münchner Hauptbahnhof, habe mir vom Yorma’s noch einen Kaffee mitgenommen, den ich nicht zahlte – nicht geklaut, aber vom 24. bis 26. schenkte man dort Eisenbahnern den Kaffee, egal, wie oft am Tag. Wenn schon der Arbeitgeber das nicht tut, dann wenigstens die Geschäfte vor Ort. Ich habe mich riesig gefreut und machte mich eben zu besagtem Zug auf. Ich stieg ausnahmsweise in den hinteren Zugteil ein, war zu faul bis ganz nach vorne zu laufen.

Die Fahrt verlief problemlos, ich stellte in Mammendorf beim Ausstieg nur fest: verdammt, Tür defekt, jetzt aber schnell zur nächsten noch weiter hinten. Demzufolge fuhr der Zug dann auch schon längst wieder los, während ich in Fahrtrichtung hinterher ging Richtung Ausgang. Ich war zu dem Zeitpunkt dann der letzte auf dem Bahnsteig, als mir plötzlich etwas auffiel. Auf dem einen Sitz innerhalb des Wetterschutzhäuschens lag eine schwarze Tasche. Eindeutig verloren gegangen.

Ich sah sie mir an (im Gegensatz zur paranoiden Bundespolizei am Hauptbahnhof gehe ich da nicht von einer Bombe aus – in diesem Kaff erst recht nicht), öffnete sie in der Hoffnung, einen Hinweis zu finden, wer der Besitzer ist. Gefunden habe ich außer jeder Menge CDs nichts. Nur ein Einschubfach für ein Hinweisschildchen über den Eigentümer. So, was machen? Liegen lassen und hoffen, dass der Eigentümer es rechtzeitig merkt und gleich zurück fährt und sie holt? Nein. Mitnehmen und beim Fundbüro der DB abgeben? Nein, zu gering die Wahrscheinlichkeit, dass sie wieder gefunden wird (sind wir mal ehrlich, wer findet da schon wieder was?)

Also musste eine ganz andere Lösung her: diese nannte sich in dem Fall “RIS” – das interne Info- und Kommunikationssystem für das Zugpersonal der DB. Ich machte den Zug ausfindig und hoffte, dass sich der Schaffner des Zuges dort einbuchte, damit ich ihn erreichen könnte – gesehen hatte ich ihn ja im Zug kurz zuvor. Bingo, gleich anrufen. Ich schilderte ihm den Sachverhalt und meinte noch, er müsse wohl im vorderen Zugteil sein, ob er mir den Gefallen täte, diesen ausfindig zu machen. Selbstverständlich stimmte er dem zu und meinte, er rufe mich zurück.

Ich ging dann weiter heimwärts – und keine 10 Meter später klingelte mein Handy plötzlich wieder: es war der Schaffner. Erfreut meinte er: “ich glaube, ich habe es schon geschafft, den Besitzer zu finden” und reichte sein Handy an ihn weiter. Ich ließ mir die Tasche von ihm beschreiben und es war mehr als eindeutig, dass sie ihm gehört. Nach einigen Verbindungsproblemen wegen dem lückenhaft ausgebauten Netz der Telekom auf der Strecke hatten wir uns dann darauf geeinigt, dass der Schaffner ihm meine Nummer weiterreichen darf, damit er mich selbst kontaktieren konnte.

Gesagt, getan, erhielt ich also eine SMS von einem gewissen Phillip T. – dem offensichtlichen Besitzer der Tasche samt Inhalt. Wir einigten uns darauf, dass ich zwei Stunden später den Zug nach Augsburg nehme und wir uns dort trafen, damit er wieder bekam, was ihm gehört. Ich machte mich also auf den Weg, zuvor hatte ich ihm natürlich noch geschildert, nach wem er Ausschau halten muss. Ich hatte gehofft, er sei schon anwesend am Bahnhof, aber ich war – trotz Verspätung von meinem Zug – der erste. Aber wenn einer die Bahnhofshalle betrifft, mich ansieht und plötzlich schnellen Schrittes auf mich zu kommt und auf die Tasche schaut: da besteht kein Zweifel mehr.

Einen riesigen Dank habe ich erhalten, ich erzählte ihm, wie es dazu kam und er war auch heilfroh, sie wieder zu haben – er sei nämlich DJ und wäre auch gebucht für eine Silvesterfeier. Das wäre sonst eine schöne Zwickmühle, in die er sich da gerade gebracht hätte.
Als Dank erhielt ich noch ein blaues Scheinchen von ihm – es war mir zwar etwas unangenehm, für eine so kleine Gefälligkeit etwas anzunehmen, aber er bestand darauf, weil es ihm wirklich wichtig war. Und ich bin insofern auch glücklich: ich habe nicht nur festgestellt, dass man sich auf seine Kollegen (betriebsübergreifend ja sogar) verlassen kann, sondern auch, dass man mit einer so kleinen Geste eine ganze Feier retten kann, zu der man gar nicht eingeladen ist und wovon diese Leute vielleicht gar nichts mitbekommen hätten, wie es ausgehen hätte können. Außerdem ist es ein gutes Gefühl, es getan zu haben. :)

Hinterlasse eine Antwort