Der alltägliche Wahnsinn

Da ich gerade Zeit habe in meiner Bereitschaft möchte ich euch mal ein wenig aus meinem Alltag und dem “Wahnsinn”, den man so als Lokführer Tag ein Tag aus erlebt, berichten. Es geht dabei um meine Schicht vorgestern, Stuttgart und zurück.

Begonnen hat es in der Früh um ca. 7 Uhr. Der erste Weg führt mich dabei in meiner Dienststelle zum Lokleiter. Bei ihm erhalte ich meine Schicht, meinen Einsatzplan für die nächsten Tage und alles wichtige an betrieblichen Unterlagen für meine Fahrt. Noch schnell die Wasserflasche aufgefüllt – man will ja unterwegs nicht verdursten – und dann ging ich auch wieder runter in die Halle vom Hauptbahnhof. Etwas früher, damit ich den Kollegen aus der Bereitstellung direkt ablösen kann. Bei dem Zug handelt es sich um die letzte Arbeit der Nachtschichtler. Und da freut man sich natürlich, wenn man zügig in den Feierabend kann.

Nach dem Übergabegespräch und einem netten Plausch (haben uns länger nicht mehr gesehen; Murphys Law, gerade jetzt beim Schreiben in der Dienststelle gerade wieder begegnet, jetzt geht’s nach der Unterbrechung weiter :D) bin ich dann die 400 Meter zur abgehenden Zugspitze gelaufen, habe mich ausgebreitet auf dem Führerstand und zur Fahrt vorbereitet. Abgesehen davon, dass es halt morgens in München schon mal bisschen eng wird mit dem vielen Zugverkehr und wir dadurch etwas verspätet rausgefahren sind, lief alles total flüssig und einwandfrei bis nach Stuttgart. Die Verspätung (4 Minuten) hatte ich auch bis Augsburg wieder aufgeholt gehabt.

In Stuttgart habe ich dann eine kurze Pause gehabt, bis ich einen anderen ICE abgelöst habe. Mit diesem Zug hätte ich eigentlich ins Stuttgarter Betriebswerk (Rosenstein, wem das was sagt) fahren sollen, damit dort der Wasservorrat im Speisewagen (Verzeihung, auf Neudeutsch natürlich “BordRestaurant”) aufgefüllt werden kann. Da das allerdings zeitlich eine sehr eng geplante Aktion ist und der Zug verspätet ankam entschied die Verkehrsleitung, dass der Zug am Bahnsteig stehen bleibt und auf die nächste Leistung wendet. Der Lokführer, der den Zug dann auch fährt, war auch direkt schon gekommen und konnte mich ablösen, was mir etwas mehr Pause ermöglichte, bis ich selbst wieder zurück durfte.

Mit Kaffee die warme Sonne am Bahnsteig genießen - die schöne Seite des Wartens

Mit Kaffee die warme Sonne am Bahnsteig genießen – die schöne Seite des Wartens

Hab dann also noch zu Mittag gegessen und war ein wenig shoppen am Bahnhof. Habe mich dann gemütlich auf den Weg zu meinem Zug gemacht. Auf dem Weg bemerkte ich eine Durchsage. Diese sprach von meiner Leistung. Und voraussichtlich 60 Minuten Verspätung.

Schock.

Da geht er dahin, der planmäßige Feierabend.

Kurz darauf klingelte auch mein Diensthandy. Es war der zuständige Disponent in der Verkehrsleitung und er teilte mir mit, dass mein Zug wohl von einem Schleifleistenbruch betroffen sei.

Die Schleifleiste (um das mal zu erklären) ist der Teil vom Stromabnehmer, der an der Oberleitung schleift. Diese Leiste besteht aus Kohle. Kohle ist weich und dadurch wird sie schneller abgenutzt und schont somit die kupferne Oberleitung. Wenn diese brechen würde, wäre der Aufwand zur Reparatur natürlich viel höher und bringt erhebliche Beeinträchtigungen mit sich. Die Schleifleiste beim Stromabnehmer ist relativ einfach zu tauschen. Die Schleifleiste einiger Fahrzeuge (vorrangig die moderneren) sind auch mit einer sogenannten “Automatischen Stromabnehmer-Senkeinrichtung” ausgestattet. Das klingt komplizierter, als es ist. Um den Stromabnehmer zu heben und oben zu halten braucht man Druckluft. Zum normalen Senken lässt man die Druckluft wieder ab. Heißt auch: entweicht diese durch irgendeinen Defekt fällt der Stromabnehmer von selbst durch sein Eigengewicht wieder aufs Fahrzeugdach. Die Schleifleisten vieler moderner Fahrzeuge haben eine Luftleitung innerhalb der Kohle eingebaut. Ist die Schleifkohle also fast aufgebraucht, die Leiste gebrochen oder ein anderer Defekt aufgetreten, so kann die Luft entweichen und Schäden an der Oberleitung und weitere am Fahrzeug können vermieden werden. Bis zum Tausch der Leiste durch die Werkstatt kann der Lokführer natürlich den Stromabnehmer nicht mehr benutzen.

In diesem Fall hat der Lokführer festgestellt, dass kein weiterer Schaden vorhanden ist und der Zug weiterfahren kann. Der ICE 3 ist dabei glücklicherweise auch mit zwei Stromabnehmern pro Triebzug ausgestattet, wir konnten also problemlos mit voller Traktionsleistung weiterfahren.

Mit einer Dreiviertelstunde Verspätung habe ich dann in Stuttgart meine Heimfahrt angetreten. Diese verlief soweit ganz gut. Ich hatte einen etwas langsameren InterCity vor mir, den ich in Göppingen allerdings überholen durfte. Aber der gute Fahrtverlauf sollte sich schnell ändern.

Haltzeigende Einfahrsignale vom Bahnhof Geislingen West

Haltzeigende Einfahrsignale vom Bahnhof Geislingen West

Der Fahrdienstleiter Geislingen (der Mensch auf dem Stellwerk, der mir unter anderem die Weichen und Signale stellt) ließ mich vor seinem Bahnhof Geislingen West zum Stehen kommen. Ich musste dann meinen Befehlsblock herrichten. Es gab einen Mangel am Oberbau vom Gleis und ich bekam einen Befehl für eine niedrigere Geschwindigkeit per Funk diktiert. Das dauert natürlich und darf nur im Stillstand geschehen. Diktiert, wiederholt und schon ging es weiter. Bis zum Bahnhof Geislingen (Steige). Wegen einer wohl größeren Unregelmäßigkeit auf dem einen Gleis auf der Strecke nach Amstetten hoch musste ein Gleis gesperrt werden und der gesamte Verkehr musste über das andere Gleis verlaufen.

100 Meter weiter oben in Amstetten angekommen warteten die nächsten Züge bereits auf mich, dass ich das Gleis wieder frei mache. Das gibt natürlich unweigerlich einen Rückstau. Vor allem, weil auf der Strecke allgemein viel Verkehr läuft. Wegen der jetzt schon wieder erhöhten Verspätung passe ich natürlich nicht mehr in den normalen Verkehrsablauf. Da läuft man vor allem gerne mal auf den Nahverkehr auf. So auch vor Ulm.

Ulm konnten wir dann mit einer Stunde Verspätung verlassen, Richtung Augsburg hat man glücklicherweise sehr gute Fahrzeiten. Da konnte ich dann durch Ausreizen der Höchstgeschwindigkeiten (was man normal aus Komfort- und energetischen Gründen nicht macht, solange man pünktlich ist) richtig viel Verspätung aufholen. Es hat nur leider nicht gereicht, um mich in Gessertshausen (ca. 15 km westlich von Augsburg) vor den Nahverkehrszug zu quetschen. Den konnte ich dann leider erst im nächsten Bahnhof überholen. Hinter Augsburg freute ich mich darauf, mit Tempo 230 Richtung München dann nochmals viel aufholen zu können. Mit knapp über 50 Minuten Verspätung habe ich dann endlich wieder den Münchner Hauptbahnhof erreicht. Natürlich mit leider auch sehr verzögertem Feierabend.

Keine Zugfahrt ist wie die andere, “irgendwas ist immer”. Das ist auch der Grund, weswegen Lokführer so eine lange Ausbildung brauchen und eigentlich auch mehr verdienen sollten. Wir müssen in allen Situationen sofort wissen, was zu tun ist. Aus betrieblicher, technischer und natürlich auch persönlicher Sicht.

Und für die Leute, die sich über die böse Bahn beschweren, wir würden ja eh immer nur verspätet fahren, möchte ich noch dieses sagen: keiner von uns fährt mit Absicht verspätet. Es ist auch unser Feierabend, der sich damit verzögert. Das will natürlich auch von uns keiner. Oftmals liegt es aber einfach nicht in unserer Macht und es ist uns unmöglich pünktlich zu fahren. Das kann sehr viele Ursachen haben. Jeder tut sein Möglichstes, bitte habt also beim nächsten Mal etwas Verständnis, vielen Dank! :)

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